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Die Handbremse im Kopf der Mitarbeiter lösen

Sebastian Purps-Pardigol

Erstveröffentlichung in der HR Today, Schweiz

Autor: Sebastian Purps-Pardigol

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Neurobiologie für Führungskräfte: Die moderne Hirnforschung zeigt, wie Menschen ihre Potenziale optimal entfalten können und über sich selbst hinauswachsen. Dank dieses Wissens können Vorgesetzte ihre Rolle klarer definieren.


Beginnen wir mit einem Experiment: stellen Sie sich vor, Sie würden Ihre Unterschrift mehrfach hintereinander auf ein Blatt Papier zeichnen. Achten Sie darauf, wie Sie in Ihrer Vorstellung den Stift schwingen und welche Geräusche bei der Unterschrift entstehen. Jetzt wiederholen Sie den Vorgang in Gedanken – mit dem Unterschied, dass Sie nun die andere Hand verwenden.

Ihnen wird auffallen, dass es Ihnen sogar in der Vorstellung schwer fällt, mit der ungewohnten Hand normal zu unterschreiben. Der Grund: Ihnen fehlen die hierfür nötigen neuronalen Netzwerke. Sie müssen die ungewohnte Bewegung auch gedanklich erst einmal üben, bevor Sie Ihnen gelingt.


Genau wie in diesem Beispiel geht es Ihren Mitarbeitern, wenn sie sich neuen Herausforderungen stellen; wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen im Unternehmen verändern, die Geschäftsziele ambitionierter werden, Aufgabenbereiche sich erweitern oder neue Absatzkanäle gefunden werden müssen. Zu Beginn sind die Netzwerke zur Lösungsfindung im Kopf eines Mitarbeiters noch nicht stabil ausgebildet.

Doch was macht den Unterschied, dass es manchen Mitarbeitern gelingt es, sich bei neuen Herausforderungen optimal einzubringen und es für andere Mitarbeiter dann eher mühsam wird?



Neuroplastizität: Das Gehirn kann sich bis ins hohe Alter verändern


Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts waren viele Wissenschaftler davon überzeugt, dass ein Gehirn - ähnlich wie eine Hand oder ein Fuß - bei einem erwachsenen Menschen irgendwann fertig ausgebildet ist. Diese Überzeugung änderte sich durch den Einsatz bildgebender Verfahren in der Forschung. Mit Magnetresonanztomografen konnten Forscher kurz vor der Jahrtausendwende in das lebenden Gehirn eines Menschen hineinschauen.

Die wichtigste neue Erkenntnis der Hirnforscher ist ermutigend: das Gehirn kann sich ein Leben lang verändern. Das Zauberwort für diese Fähigkeit heißt „Neuroplastizität“. Auch erwachsene Menschen sind bis ins hohe Alter in der Lage, Nervenzellen neu miteinander zu verbinden und eigenständige Netzwerke neu auszubilden.


Eine Studie unter Londoner Taxifahrern zeigt diese Fähigkeit zur Neuroplastizität sehr eindrucksvoll. Um eine Taxilizenz zu erhalten, müssen die Fahrer in der Lage sein, alle 25.000 Straßen in London abzufahren und dabei die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu nennen. Wissenschaftler haben die Hirnaktivität einiger dieser Fahrer verfolgt und herausgefunden, dass die untersuchten Gehirne einen überdurchschnittlich ausgeprägten Hippocampus haben - das ist der Teil des Gehirns, der eine zentrale Rolle beim Abspeichern von Informationen einnimmt.


Wo Kreativität, Impulskontrolle und Handlungsplanung herkommen


Das, was den Londoner Taxifahrern gelingt, können auch Sie und Ihre Mitarbeiter. Unser Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, die wiederum 100 Billionen Verbindungen miteinander eingehen. Für Ihre Arbeit als Führungskraft ist ein Teil des Gehirns direkt hinter der Stirn besonders wichtig. Dort befindet sich der Präfrontale Cortex. In diesem hochpotenten Bereich bilden sich all die Eigenschaften heraus, die Sie sich bei einem guten Mitarbeiter wünschen: die Fähigkeit zu Empathie, Kreativität, Impulskontrolle, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können, vorausschauende Handlungsplanung, oder auch der Gerechtigkeitssinn. Vielleicht fällt Ihnen spontan sogar ein Mitarbeiter ein, dem Sie etwas mehr der ein oder anderen dieser Eigenschaft wünschen würden.


Damit Mitarbeiter die Netzwerke im Präfrontalen Cortex optimal nutzen und verbessern können, benötigt ihr Gehirn neuroplastische Botenstoffe. Diese Botenstoffe werden im Mittelhirn ausgeschüttet und ergießen sich bis in den Präfrontalen Cortex hinein. Dort geschehen dann zwei Dinge. Erstens wird die Kommunikation der Nervenzellen untereinander aktiver. Zweitens werden neue Verbindungen geknüpft und bestehende Verbindungen verfestigen sich. Im Ergebnis beginnen sich ungenutzte Potentiale des Gehirns zu entfalten.


Die Rahmenbedingungen für Potentialentfaltung


Wie können Sie jedoch die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Mitarbeiter mehr dieser neuroplastischen Botenstoffen ausschütten? Die Schlüssel hierfür sind Verbundenheit, Wachstum und Gestaltbarkeit.


Ein kindliches Gehirn schüttet vielfach pro Tag neuroplastische Botenstoffe aus. Diese Botenstoffe sorgen dafür, dass sich ständig neue Netzwerke im Gehirn herausbilden können – wie eine Gießkanne, die im Gehirn Dünger für Wachstum liefert. Dadurch wächst ein Kind jeden Tag etwas mehr über sich hinaus.


Bei den meisten Erwachsenen ist diese „Gießkanne“ deutlich seltener aktiv. Entsprechend langsam bilden sich neue tragfähige Netzwerke aus. Deshalb nutzen Erwachsene häufig alte, schon seit Jahren verwendete Netzwerke. So tun manche Mitarbeiter auch immer das Gleiche – selbst dann, wenn neues Handeln erforderlich wäre.


Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, wie die „Gießkanne“ neuroplastischer Botenstoffe auch bei Erwachsenen wieder aktiver werden kann:


1. Verbundenheit


Jeder Mensch trägt ein tiefes Bedürfnis nach Verbundenheit in sich. Bereits im Mutterleib machen wir die Erfahrung, verbunden zu sein und in den Jahren nach der Geburt ist für viele Monate und Jahre fast immer jemand in der Nähe. Diese ersten Lebenserfahrungen verankern sich tief in unseren neuronalen Netzwerken und werden dadurch zu einem Grundbedürfnis. Simuliert man die soziale Ausgrenzung einer Testperson – und somit den Verlust von Verbundenheit – erkennt man, dass im Kopf die gleichen neuronalen Zentren aktiv werden, die auch für körperlichen Schmerz verantwortlich sind.


Zeitgleich können Wissenschaftler nachweisen, dass ein übererregtes, ängstliches Gehirn schnell in einen ruhigeren Zustand wechselt, wenn die Testperson Verbundenheit wahrnimmt. Im Zustand von Verbundenheit wird der Botenstoff Oxytocin ausgeschüttet. Dieser Botenstoff beruhigt die Amygdala - das Angstzentrum des Gehirns. Anders ausgedrückt: Durch Verbundenheit löst sich die Handbremse im Kopf, die erfolgreiche Veränderung und neues Lernen blockiert.


2. Wachstum und Gestaltbarkeit


Ein junger Mensch erlebt vor und nach der Geburt für viele Jahre, dass er wächst. Sowohl körperlich als auch in seinen Fähigkeiten. Auch die Erfahrungen von Wachstum und Gestaltbarkeit schreiben sich deshalb in die ersten menschlichen neuronalen Netzwerke ein und werden zu einem lebenslangen Grundbedürfnis. einem Versuchsaufbau mit kleinen Kindern, bei dem sich die Kinder zwischen Schokolade oder dem Spielen mit Holzklötzen entscheiden können, wählen die meisten Kinder die Klötze - der Hunger nach Gestaltung ist größer als die vermeintlich attraktive Schokolade.


Wenn ein Mensch beginnt, sich etwas „zu eigen“ zu machen, gibt er seinem Handeln viel mehr Bedeutsamkeit. Dann schüttet das Mittelhirn neuroplastische Botenstoffe aus und der Präfrontale Cortex beginnt, aktiver zu werden und sich neu zu vernetzen. Das ist der Zustand, in dem Potentiale sich entfalten können.


Für Sie als Führungskraft heißt das: wenn Sie Ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der Mit-Gestaltung geben, erleichtern Sie die Potentialentfaltung ganz erheblich. So schaffen Sie eine Grundlage für neuronales Wachstum – und damit die Grundlage für das Meistern neuer Herausforderungen.


Ein wichtiger „Nebeneffekt“ von Gestaltbarkeit: der Mensch bleibt gesünder. So zeigt eine Untersuchung in einem Altersheim, dass die Sterblichkeitsrate um bis zu 50 Prozent sinkt, wenn die Bewohner nur etwas mehr Einfluss auf ihren Alltag nehmen können.


Eine echte Feedback-Kultur führt zu Höhenflügen


In unserer Arbeit mit Unternehmen entdecken wir immer wieder Muster des Gelingens.Unternehmen verfügen meist über eine gute Feedback-Kultur. Damit ist nicht ein jährliches oder pro Quartal stattfindendes Feedback-Gespräch gemeint, sondern eine Kultur, in der Mitarbeiter einander unmittelbar mitteilen, was sie wahrnehmen. Sowohl das Positive als auch das Verbesserungswürdige.


Durch echte Feedback-Kultur erfahren Mitarbeiter Verbundenheit, Gestaltbarkeit und Wachstum. Aus neurobiologischer Perspektive ist das beeindruckend. Zurückgehaltene Botschaften - insbesondere wenn sie emotional stark aufgeladen sind - führen zu einer Übererregung im Präfrontalen Cortex. Das stört wiederum die Funktion und Ausbildung neuronaler Netze. Feedback führt dazu, dass der Mitarbeiter sein Gehirn wieder in einen ausgeglichenen Zustand versetzt - er gestaltet unmittelbar das eigene Empfinden.


Der Feedback-Empfänger kann durch das Gehörte sein Verhalten ändern und wächst. Der Feedback-Geber kann durch das Gesagte sein Umfeld mitgestalten. Durch den intensiven Austausch können beide die möglichen einschränkenden Vorannahmen über den Anderen korrigieren - es entsteht deutlich mehr Verbundenheit. All das führt wiederum dazu, dass beide Gehirne mehr neuroplastische Botenstoffe ausschütten.


Das Einführen einer gelebten Feedback-Kultur kann ein erster greifbare Schritt hin zu einer echten Potentialentfaltungs-Kultur sein: ein Umfeld, in dem Einzelne, ganze Teams und letztlich auch das ganze Unternehmen (wieder) über sich hinaus wachsen können.